Jeder dritte Fahranfänger in Hessen entscheidet sich fürs Begleitete Fahren mit 17

Jeder dritte Fahranfänger in Hessen entscheidet sich fürs Begleitete Fahren mit 17

Das Projekt „Begleitetes Fahren mit 17“ (kurz: BF 17) ist bislang in Hessen sehr erfolgreich. Bei dem am 1. Oktober 2006 gestarteten Modellprojekt dürfen bereits 17-Jährige die Fahrer-laubnis erwerben und dann in Begleitung eines Erwachsenen Auto fahren. In Hessen haben die TÜV Hessen-Fahrerlaubnisprüfer seit Beginn des Modellversuchs bis Ende 2008 fast 42.000 praktische Fahrprüfungen mit BF-17-Bewerbern abgenommen. Davon haben 34.576 ihre Prüfung bestanden. Das heißt, nur knapp 18 Prozent erhielten keine Prüfungsbescheini-gung.

Damit fallen die jungen Führerscheinaspiranten deutlich seltener durch als ältere Klasse-B-Bewerber: Hier lag die Nichtbestehensquote im Jahr 2006 bei 23,7 Prozent, 2007 bei 24,8 Prozent und 2008 bei 26,3 Prozent.

m Jahr 2006 wurden insgesamt 54.700 praktische Fahrprüfungen durch Prüfer des TÜV Hessen abgenommen. 2007 stieg die Gesamtzahl mit 65.293 deutlich an, im Jahr darauf sank sie wieder leicht auf 62.104. Hierbei sind nur Erstprüfungen erfasst, d.h. Wiederho-lungsprüfungen sind nicht mit eingerechnet. 2007 waren darunter 18.518 BF-17-Prüfungen, 22.381 waren es 2008. Das Jahr 2006 fällt mit 1.003 BF-17-Prüfungen statistisch nicht ins Gewicht, da diese Prüfungsart erst ab Oktober zulässig war. Doch schon 2007 betrug der Anteil der BF 17-Prüfungen an der Gesamtzahl aller Klasse-B-Prüfungen 28 Prozent, im Jahr darauf waren es 36 Prozent. Das bedeutet, dass im vergangenen Jahr mehr als jeder dritte hessische Führerscheinanwärter BF-17-Schüler war.

Betrachtet man die Gesamtzahlen der Prüfungen, so wird deutlich, dass sie im Jahr 2007 deutlich angewachsen ist. Auch in den ersten drei Monaten des Jahres 2008 war sie noch signifikant höher als in den Vorjahren. Letztlich ist 2008 aber die Gesamtzahl der Klasse-B-Prüfungen wieder zurückgegangen. Hieraus lässt sich deutlich ein Bugwelleneffekt ablesen, denn zu den normal angemeldeten 18-Jährigen kamen nun die 17-Jährigen noch hinzu; In der zweiten Jahreshälfte 2008 nahm diese „Bugwelle“ wieder ab: denn wer mit 17 Jahren die Fahrerlaubnis erworben hatte, brauchte sich ein Jahr später nicht mehr anmelden.

Dass 2008 in Hessen fast 4.000 BF-17-Prüfungen mehr als 2007 absolviert wurden, führt der TÜV Hessen darauf zurück, dass zunächst vermehrt 17-Jährige in ländlichen Regionen die Möglichkeit des frühzeitigen Führerscheinerwerbs genutzt haben, später aber zunehmend auch die 17jährigen aus den Stadtgebieten diese Option wählten. Der Erfolg des Modellver-suchs überrascht auch den TÜV Hessen, bei dem man mit deutlich geringerer Beteiligung gerechnet hatte. Offensichtlich, so vermutet die Prüforganisation, spielt auch ein gewisser „Mitzieh-Effekt“ eine Rolle: wenn Freunde oder Klassenkameraden schon mit 17 Jahren – wenn auch nur in Begleitung eines anderen – ein Fahrzeug führen dürfen, dann will man selbst nicht beiseite stehen; „Der Besitz der Fahrerlaubnis hat heute bei Jugendlichen einen sehr hohen Prestigewert“, weiß man beim TÜV Hessen.

Das begleitete Fahren ist allerdings nur sinnvoll, solange die Begleitperson beratend auftritt und sich nicht zu sehr einmischt. Sie soll ihre Erfahrungen weitergeben und dadurch die Lernphase für ihren Schützling verlängern. Viele Jugendliche nehmen das Fahren mit einer Begleitperson nicht als problematisch wahr, sondern empfinden es als hilfreich. In der Regel sind Eltern die eingetragenen Begleitpersonen. Sollte es zu einer brenzligen Situationen kommen, können sie unterstützend eingreifen. Eltern, so die Erfahrung, stehen der Sache in der Regel positiv gegenüber und steigen ohne Vorbehalt mit ins Auto der Fahranfänger.

Ob Eltern, Tante oder Opa in den Führerschein eingetragen werden, ist egal. Im Schnitt wer-den zwei bis drei Begleitpersonen gemeldet, sagen die Zulassungsstellen. Bevor diese als solche eingetragen werden, werden ihre Personalien überprüft. Sie müssen mindestens 30 Jahre alt sein, mindestens fünf Jahre den Führerschein Klasse B besitzen und zum Zeitpunkt der Erteilung der Prüfungsbescheinigung mit nicht mehr als drei Punkten im Verkehrszentral-register belastet sein.

Gute Erfahrungen haben auch viele Fahrschulen und die Prüfer des TÜV Hessen mit BF 17 gemacht. 17-Jährige seien sogar oftmals ehrgeiziger bei der Sache, so die Beobachtungen. Viele Fahrlehrer charakterisieren ihre jüngeren Schüler als aufnahmefähiger und oftmals lernwilliger. Außerdem fällt auf: 17-Jährige fahren nicht schlechter als 18-Jährige. Beim TÜV Hessen ist man überzeugt, durch BF17 könne die Risikobereitschaft sinken. Wer ein Jahr lang in Begleitung eines Erwachsenen fahre, sei umsichtiger als ein 18-Jähriger, der sich gleich ohne Begleitung ans Steuer setze und seine Grenzen ausprobiere. Glaubt man den Statistiken, so hat sich das Risiko an Unfällen und Verkehrswidrigkeiten auf deutschen Stra-ßen bei den Fahranfängern mit 17 Jahren gegenüber denen mit 18 deutlich reduziert. Bei einer Versuchsstudie, bei der man frisch gebackene Fahrer beiden Alters verglich, stellte sich heraus, dass Teilnehmer am begleiteten Fahren 22,7 Prozent weniger Unfälle und sogar 28,5 Prozent weniger Verkehrswidrigkeiten begehen als diejenigen, die mit 18 ihren Führerschein gemacht haben.

Kritisch lässt sich dem Modell gegenüber sicherlich auch begegnen: Es macht nur Sinn, wenn die Schüler nach der bestandenen Prüfung auch die Möglichkeit haben, ausreichend Fahrpraxis zu sammeln. 2.500 Kilometer sollten es schon sein, bis es den „richtigen“ Führerschein zum 18. Geburtstag dann gibt. Eltern sollten also jede Gelegenheit nutzen. Und: Be-gleitpersonen brauchen dafür gute Nerven – die sie leider nicht immer haben.

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